Das Auto hatte Jahrzehnte. Das Internet ist für uns alle noch Neuland. Und KI klopft schon an. Über Gesellschaften, die nicht mehr hinterherkommen, Konzerne, die diesmal von Anfang an dabei sind, und warum Regulierung keine Spaßbremse ist, sondern eine Rettungsleine.
Ich arbeite täglich mit KI, und ich sage es gleich vorweg: Ich finde das Zeug großartig. Genau deshalb schreibe ich diesen Text. Denn während ich überlege, welchen Workflow ich als Nächstes automatisiere, drängt sich eine andere Frage auf, die mir weniger Spaß macht: Wie viel davon verträgt eigentlich eine Gesellschaft, bevor sie den Faden verliert?
Neuland, seit 1969
Im Juni 2013 stand Angela Merkel neben Barack Obama vor der Presse und sagte den Satz, der sie das Internet nie wieder loswerden ließ: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Das Netz war zu diesem Zeitpunkt älter als die meisten Leute, die darüber gelacht haben. Das ARPANET ging 1969 online, das World Wide Web 1991. Neuland, nach gut 40 Jahren.
Der Spott war groß, und ich habe damals mitgelacht. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher, wer da eigentlich den Witz nicht verstanden hat. Denn Merkel meinte nicht die Technik. Sie meinte das Recht, die Politik, die Institutionen, die alle noch nicht begriffen hatten, was da seit Jahrzehnten passierte. Und damit hatte sie schlicht recht. Sie hatte es nur ungeschickt gesagt.
Ich glaube, wir leben in Zeiten, in denen Gesellschaften schlicht überfordert werden. Nicht von einer einzelnen Technologie, sondern von der Taktung. Durch rücksichtslose, korporatokratische Strukturen, in denen Staat und Wirtschaft so ineinander verwachsen sind, dass niemand mehr auf die Bremse treten kann, selbst wenn er wollte. Die Frage, die mich seitdem nicht loslässt: Wie viel Disruption verträgt der Mensch? Und wie viel verträgt eine Gesellschaft?
Um das einzuordnen, lohnt ein Blick zurück. Umbrüche dieser Art hat die Menschheit viele verdaut, vom Pflug über den Buchdruck bis zur Dampfmaschine. Aber die zwei jüngsten Wellen haben wir selbst miterlebt, und an ihnen lässt sich das Muster am klarsten ablesen. Nur liefen sie langsamer.
Das Auto: Ein Jahrhundert zum Verdauen
Als Carl Benz 1886 sein Patent anmeldete, war das Auto ein lautes, stinkendes Spielzeug für Leute mit zu viel Geld. Zwanzig Jahre später baute Henry Ford das Model T, und plötzlich konnten sich auch Menschen ein Auto leisten, die vorher nicht einmal eine Kutsche hatten. Wenn man es mit dem Innovationsforscher Clayton Christensen genau nimmt, war erst das die eigentliche Disruption: nicht die Erfindung, sondern der Moment, in dem sie billig genug wurde, um alle zu erreichen. Für die Kutschenbauer war das ein eher akademischer Unterschied. Von Dutzenden Herstellern schaffte fast nur Studebaker den Wechsel zum Automobil. Der Rest verschwand.
Und dann? Dann hatte die Gesellschaft Zeit. Jahrzehnte. Zeit, um Straßenverkehrsordnungen zu schreiben, Führerscheine zu erfinden, Ampeln aufzustellen, Städte umzubauen und zu lernen, dass man nicht betrunken fahren sollte. Jede dieser Lektionen kostete Menschenleben, aber wir hatten wenigstens die Zeit, sie zu lernen.
Und selbst heute, nach über 100 Jahren, gibt es militante Autohasser. Menschen, denen das schlicht zu viel Gestank und Lärm ist. Man kann das für Fortschrittsfeindlichkeit halten. Oder für den späten Nachhall einer Zumutung, die der Mensch nie ganz verdaut hat: Dass eine Tonne Blech mit 50 km/h durchs Wohnviertel rollt, war nie natürlich. Wir haben uns nur daran gewöhnt. Und dafür haben wir ein Jahrhundert gebraucht.
Das Internet: Schon fertig? Wir fangen gerade erst an
Beim Internet lief es anders als beim Auto, und doch nach demselben Muster. Es begann unten, bei Forschern und Bastlern, es war langsam, hässlich und unzuverlässig. Die Etablierten lachten. Dann wurde es „gut genug“, und gut genug schlägt besser, wenn es kostenlos ist. MP3s klangen schlechter als CDs, aber sie waren überall. Wikipedia war unzuverlässiger als der Brockhaus, aber sie war umsonst und sofort da. Der Brockhaus druckte 2014 zum letzten Mal.
Das Entscheidende aber: Das Internet verteilte Wohlstand um. Es machte Garagenfirmen zu Konzernen und Konzerne zu Fußnoten. Verlage, Plattenlabels, Reisebüros und Telefongesellschaften verloren, Google, Amazon und Tausende Start-ups gewannen. Brutal für die Verlierer, aber immerhin: Die Türen standen offen.
Was wir damals nicht auf dem Zettel hatten, war der Preis, den die Gesellschaft zahlt. Nicht die Wirtschaft, die Gesellschaft. Smartphones und soziale Medien sind gerade einmal 15 Jahre im Massenbetrieb, und erst jetzt mehren sich die Hinweise, was sie mit der Aufmerksamkeit, dem Schlaf und der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen anstellen. Australien hat soziale Medien für unter 16-Jährige verboten. In Europa diskutieren wir noch. Wir haben, mit anderen Worten, nach drei Jahrzehnten Internet noch nicht einmal geklärt, ob ein Zwölfjähriger ein Smartphone mit ins Bett nehmen sollte. Die Antwort ist übrigens nein. Ich weiß das. Ich nehme meins trotzdem mit.
Man sieht also: Bis der Mensch eine so fremdartige Technologie in seinem Leben akzeptiert und ihre Folgen auch nur halbwegs versteht, kann sehr viel Zeit vergehen. Wir sind noch mitten in dieser Transformation. Und nun kommt schon die nächste.
KI: Die erste Revolution ohne Revolutionäre
Auf den ersten Blick passt KI perfekt ins Muster. Chatbots halluzinieren, machen Fehler, sind in vielen Dingen schlechter als ein Mensch, der sich auskennt. Aber sie sind billig, sofort da und gut genug. Sie erreichen Menschen, die sich nie einen Anwalt für die kleine Frage, einen Nachhilfelehrer oder einen Programmierer geleistet hätten. Lehrbuch-Disruption, würde Christensen sagen.
Und dann bricht das Muster. An der einen Stelle, die bisher immer gleich war.
Bei jeder Disruption zuvor waren die Etablierten blind. Die Kutschenbauer, die Verlage, die Telefongesellschaften haben die neue Technik belächelt, bis es zu spät war. Diesmal nicht. Diesmal sind die großen Tech-Firmen von Anfang an voll eingestiegen. Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft investieren allein 2026 je nach Zählung zwischen 650 und über 700 Milliarden Dollar in Chips und Rechenzentren, mehr als der Staatshaushalt der meisten Länder dieser Erde, zunehmend auf Kredit. Nvidia liefert die Chips, und wer glaubt, die Herausforderer kämen von außen, sollte sich die Beteiligungsverhältnisse ansehen: Microsoft hält an OpenAI, Amazon kaufte sich im Sommer 2026 für 50 Milliarden Dollar ebenfalls dort ein, und Anthropic wird von Amazon und Google finanziert. Die „Newcomer“ sind an den Konzernen festgebunden wie Beiboote an einem Tanker.
Das liegt auch an der Technologie selbst. KI ist von Grund auf ineffizient: Sie frisst Rechenleistung, Strom und Wasser in Mengen, die sich kein Garagen-Start-up leisten kann. Wer hier etwas bewegen will, muss zuerst Milliarden in Rechenzentren versenken. Die Eintrittskarte kostet nicht mehr eine Werkstatt oder einen cleveren Einfall, sondern ein Kraftwerk. Damit ist die Hürde keine Frage der Ideen mehr, sondern des Kapitals, und Kapital in dieser Größenordnung haben genau die, die ohnehin schon oben sitzen.
Und da ist sie wieder, die alte Widernatürlichkeit. So wie das Auto eine Tonne Blech durchs Wohnviertel schob, stellt KI jetzt Rechenzentren in die Landschaft, die so viel Strom ziehen wie ganze Länder, deren Stromverbrauch 2026 weltweit die Marke von 1.000 Terawattstunden überschreiten dürfte, ungefähr der Jahresverbrauch Japans. Dazu eine Umwelt, die sich in Monaten verändert, nicht in Generationen. Auch das muss der Mensch erst verdauen, und die Natur gleich mit. Nur dass wir diesmal nicht hundert Jahre Zeit dafür bekommen, sondern ein paar wenige.
Denn was folgt daraus? Es gibt keine Umwälzung von Wohlstand, weil alles weiterhin in wenigen Händen konzentriert ist. Die Arbeit wird umgewälzt, das Eigentum nicht. Wenn ein KI-Agent demnächst die Arbeit einer Agentur, eines Callcenters oder eines Übersetzungsbüros übernimmt, dann fließt der Umsatz nicht zu einem neuen Mittelstand, der in Garagen etwas aufbaut. Er fließt als Rechenzeit und Lizenzgebühr an eine Handvoll Firmen, die ohnehin schon zu den wertvollsten der Welt gehören. Erste Signale gibt es längst: Der Nachhilfe-Anbieter Chegg hat an der Börse den Großteil seines Werts verloren, die Fragen auf Stack Overflow sind eingebrochen, Übersetzer und Stockfotografen spüren es im Auftragsbuch.
Und hier lohnt der genaue Blick, denn die Geschichte war bisher großzügiger, als es die Schlagzeile vermuten lässt. Das Auto hat die Kutschenbauer ruiniert, ja, aber es hat auch Unmengen Menschen reich oder zumindest satt gemacht: neue Autobauer, Zulieferer, Straßenbauer, Tankstellenpächter, Fahrlehrer, ganze Regionen, die vom Verkehr lebten. Das Internet war nicht anders. Es hat Verlage und Reisebüros gekostet, aber es hat Wohlstand breit gestreut und eine ganze Generation von Firmen und Selbstständigen hervorgebracht, die es ohne das Netz nie gegeben hätte. Beide Wellen haben Verlierer produziert, aber eben auch viele neue Gewinner.
Bei KI sieht es bisher anders aus. Hier werden vor allem die reicher, die ohnehin schon reich sind. Die Kette von Chips über Cloud bis Modell ist so kapitalintensiv, dass der neue Wohlstand kaum nach unten durchsickert, sondern oben bleibt. Und ob KI am Ende wirklich das Leben der breiten Masse verbessert, so wie es Auto und Internet trotz aller Nebenwirkungen getan haben, ist eine offene Frage. Vielleicht wird es so kommen. Aber verlassen würde ich mich darauf nicht, und schon gar nicht würde ich darauf eine Gesellschaft bauen.
Warum die Gesetze immer zu spät kommen
Man könnte jetzt sagen: Dann regelt das halt. Dafür haben wir Parlamente. Das Problem ist nur, dass die Gesetzgebung strukturell nicht gewinnen kann, und dafür gibt es sogar Fachbegriffe.
Das erste heißt Pacing Problem: Technik entwickelt sich exponentiell, Gesetze entstehen in Legislaturperioden. Die Lücke dazwischen wird nicht kleiner, sie wächst mit jeder Welle.
Das zweite heißt Collingridge-Dilemma, benannt nach dem Technikforscher David Collingridge, der es schon 1980 beschrieb: Solange eine Technologie jung ist, könnte man sie leicht steuern, aber niemand kennt ihre Folgen. Sind die Folgen bekannt, ist die Technologie so tief in Wirtschaft und Alltag verwachsen, dass sich kaum noch etwas ändern lässt. Beim Auto haben wir das durchlebt, beim Internet erleben wir es gerade, bei KI fangen wir an.
Wer ein Anschauungsbeispiel sucht: Die EU hat 2024 mit dem AI Act das erste umfassende KI-Gesetz der Welt beschlossen. Die Pflichten für Hochrisiko-Systeme sollten ab August 2026 gelten. Im Juli 2026, wenige Tage vorher, trat der sogenannte Digital Omnibus in Kraft und verschob genau diese Pflichten auf Dezember 2027 beziehungsweise August 2028. Das Gesetz wurde also entschärft, bevor es überhaupt griff. Mit der Begründung, die Wirtschaft brauche mehr Zeit. Die Wirtschaft, die im selben Jahr 700 Milliarden Dollar in Rechenzentren steckt.
Unsere Gesetze und Rahmenbedingungen werden da niemals Schritt halten können. Nicht, weil die Leute in Brüssel oder Berlin dumm oder faul wären. Sondern weil das System, in dem sie arbeiten, für eine Welt gebaut wurde, in der eine Technologie ein Jahrhundert Zeit zum Ankommen hatte.
Was passiert, wenn nichts passiert
Wenn Gesetze dauerhaft hinter der Technik herlaufen, entsteht ein Vakuum. Und Vakuen werden gefüllt, nur selten von den Richtigen. Ich will das Szenario, das ich für realistisch halte, einmal durchspielen. Es klingt nach Science-Fiction, ich weiß. Aber die Science-Fiction-Autoren hatten in den letzten dreißig Jahren eine bessere Trefferquote als die meisten Wirtschaftsprognosen.
- Überforderung. Menschen verlieren Orientierung, dann Arbeit, dann das Vertrauen in Institutionen, denen man ansieht, dass sie nicht mehr mitkommen. Nicht alle auf einmal. Aber genug.
- Kontrollverlust. Regeln greifen nicht mehr, weil die Technik schneller ist als jede Behörde und die Konzerne mächtiger als jede Aufsicht. Faktisch entsteht ein rechtsfreier Raum, in dem nicht Gesetze gelten, sondern Nutzungsbedingungen.
- Anarchische Zustände. Desinformation, Wut und soziale Spaltung wachsen, während der Wohlstand bei einer Handvoll Firmen und ihren Aktionären liegt. Verstärkt wird das durch die Algorithmen selbst: Social Media optimiert auf Aufmerksamkeit, und nichts erzeugt so zuverlässig Aufmerksamkeit wie Empörung. Das begünstigt die politischen Ränder, ganz von allein. Ob Big Tech das will oder nur in Kauf nimmt, ist dabei zweitrangig, denn das Geschäftsmodell belohnt Reichweite und schwache Regulierung, und beides nagt an genau den Institutionen, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Wer nichts mehr zu verlieren hat, verhält sich entsprechend.
- Harte Staatsgewalt. Wir könnten in den Zustand einer anarchischen Gesellschaft kommen, der man nur noch durch harte Staatsgewalt beikommen kann: Überwachung, Repression, Kontrolle. Womöglich mit genau den KI-Werkzeugen, die das Problem mitverursacht haben. Das wäre dann die bittere Pointe: Die Technik, die uns überfordert hat, wird am Ende benutzt, um uns ruhigzustellen.
Man muss diesen Weg nicht bis zum Ende gehen, um ihn zu erkennen. Die ersten beiden Stufen sind längst Gegenwart.
„Jetzt übertreib mal nicht“
Ich höre die Einwände schon, und ein paar davon sind gut. Deshalb hier die besten, bevor sie jemand in die Kommentare schreibt.
„Es gibt doch offene Modelle.“ Stimmt, und Llama, Mistral oder DeepSeek sind großartig. Nur: Ein offenes Modell braucht Rechenzentren zum Trainieren und Chips zum Laufen. Beides gehört denselben Leuten. Open Source ändert, wer den Code lesen darf, nicht, wer die Stromrechnung bezahlen kann.
„OpenAI und Anthropic gab es vor zehn Jahren auch nicht.“ Richtig. Aber Ford hat sich nicht von den Kutschenbauern finanzieren lassen. Die neuen Firmen hängen am Kapital und an der Infrastruktur der alten. Das ist keine Disruption, das ist ein Franchise.
„Die Preise fallen, kleine Firmen profitieren.“ Ja, KI pro Anfrage wird billiger. Das macht sie als Werkzeug demokratisch. Als Infrastruktur bleibt sie oligopolistisch, und die Marge landet dort, wo die Infrastruktur steht.
„Konzentration gab es immer. Ford, Standard Oil, Google.“ Auch wahr. Aber bisher hat jede Welle die Gewinner ausgetauscht. Diesmal bleiben sie dieselben, nur größer. Das ist der Unterschied zwischen einer Revolution und einer Erbfolge.
„Die Gesellschaft ist anpassungsfähiger, als du denkst.“ Mag sein. Beim Auto und beim Internet hat sie es geschafft. Sie hatte dafür ein Jahrhundert beziehungsweise dreißig Jahre, und mit dem zweiten ist sie noch nicht fertig. Wer die Anpassungsfähigkeit für unbegrenzt hält, sollte erklären, warum er sie noch nie unter Zeitdruck getestet hat.
„Regulierung bremst Innovation, Europa fällt zurück.“ Der Klassiker. Nur: Innovation wohin? Wenn das Ziel ist, dass europäische Firmen schneller Rechenzeit bei amerikanischen Konzernen einkaufen dürfen, dann ja, da bremst Regulierung. Wenn das Ziel eine Gesellschaft ist, die den Wandel überlebt, dann ist sie die Innovation.
Regulieren, bevor nur noch Gewalt bleibt
Ich bin kein Freund von Verboten, und ich habe beruflich genug Zeit mit Compliance-Formularen verbracht, um zu wissen, wie schlechte Regulierung aussieht. Trotzdem bin ich bei diesem Thema zu einem Schluss gekommen, der mir selbst nicht ganz gefällt: Wir brauchen dringend umfassende Regulierung, wenn wir die Gesellschaften noch retten wollen.
Nicht, weil Regulierung schön wäre. Sondern weil die Alternative schlimmer ist. Kluge Regeln sind nicht das Gegenteil von Freiheit, sie sind ihre Voraussetzung. Wer jetzt nicht demokratisch gestaltet, bekommt später autoritäre Kontrolle. Die Straßenverkehrsordnung hat das Auto nicht abgeschafft. Sie hat dafür gesorgt, dass wir es ohne Bürgerkrieg überlebt haben.
Was das konkret heißen könnte, in aller Kürze:
- Wettbewerbsrecht mit Zähnen, das die Konzentration bei Chips, Cloud und Modellen nicht nur beobachtet, sondern begrenzt.
- Haftung und Transparenz für KI-Systeme und die, die damit Geld verdienen. Wer den Nutzen hat, trägt das Risiko. So funktioniert das bei jedem Bäcker.
- Schutz von Kindern und Jugendlichen als feste Leitplanke von Anfang an, nicht als Reparatur nach fünfzehn Jahren wie bei Social Media.
- Eigene europäische Infrastruktur, damit unsere Regeln nicht nur auf dem Papier gelten, sondern auch dort, wo die Server stehen.
- Gesetzgebung, die lernen darf: Experimentierklauseln, feste Überprüfungstermine, Regeln mit Verfallsdatum. Wenn die Technik iteriert, muss das Recht es auch.
- Beteiligung der Gesellschaft an den Erträgen, über Steuern auf das, was Maschinen erwirtschaften, bis hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Wenn Arbeit knapp wird und Eigentum sich ballt, führt an einer solchen Umverteilung kaum ein Weg vorbei.
Den letzten Punkt halte ich für den wichtigsten, auch wenn er der unbequemste ist. Ich bin überzeugt, dass wir an einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht mehr vorbeikommen. Nicht als linke Wunschvorstellung, sondern als nüchterne Notwendigkeit. Wenn man sieht, wie ungerecht die Verteilung von Jahr zu Jahr wird, ist es schlicht das Fairste, was einem einfällt. Und es ist auch eine Frage der Stabilität. Denn im Kern sind es die Reichsten, die den Ärmsten die Jobs nehmen, nur eben nicht mit eigenen Händen, sondern über die KI, in die sie Milliarden stecken. Der Schaden landet unten, der Gewinn oben. Eine Gesellschaft, die das lange genug mit ansieht, ohne gegenzusteuern, wird instabil, und instabile Gesellschaften sind selten freundliche Orte. Wenn der Staat die Umwälzung schon nicht verhindern kann oder will, dann muss er wenigstens für sein Volk sorgen. Alles andere überlässt das Feld denen, die aus Angst Kapital schlagen.
Wie viel Disruption verträgt der Mensch? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass wir dabei sind, es herauszufinden, und zwar ohne Sicherheitsnetz, bei laufendem Betrieb, mit Konzernen am Steuer, die nicht einmal böse sein müssen, um uns zu überfordern. Es reicht, dass sie schnell sind.
Wer das für alarmistisch hält: Ja, ist es. Angela Merkel hätte 2013 auch ein bisschen Alarm gut getan. Und wir hatten damals noch 13 Jahre Zeit.
PS: Wer das Thema lieber als Thriller mag: Influx von Daniel Suarez. Darin schließt ein geheimes Amt disruptive Technologien weg, damit die Gesellschaft nicht überfordert wird. Klingt erst wie die Lösung zu diesem Text, und ist genau deshalb die beste Warnung davor, wie Technologiekontrolle ohne Demokratie endet.
Quellen
- Bloomberg, Februar 2026: Big Tech to Spend $650 Billion This Year as AI Race Intensifies
- Reuters, Februar 2026: Alphabet says capital spending in 2026 could double
- t3n: Teurer als die Mondlandung: Rekordsummen für KI-Infrastruktur (bis zu 670 Mrd. Dollar, Meta über 50 % des Umsatzes)
- Börse Express: Microsoft: 175 Milliarden Dollar KI-Investitionen 2026 (Amazon-Einstieg bei OpenAI, Juli 2026)
- Hogan Lovells: EU legislators agree to delay for high-risk AI rules (Digital Omnibus, Einigung Mai 2026)
- VerifyWise: EU AI Act Omnibus: Was sich geändert hat (neue Fristen Dezember 2027 / August 2028)
- Clayton M. Christensen: The Innovator's Dilemma, 1997
- David Collingridge: The Social Control of Technology, 1980